Halb acht am Morgen

Halb acht am Morgen auf einem Wochenmarkt im Osten Hamburgs. Der Imbisswagen ist das Gegenteil eines Reformhauses. Mettbrötchen liegen vereinzelt in der Auslage. Der Wagen wird hauptsächlich von Männern umlagert.

Alkohol liegt hörbar in der Luft. „Gibst du mir noch eine Selter“, ruft einer und ich frage mich unweigerlich, ob er zu den „Trockenen“ gehört. Die Marktbeschicker stehen in der Ecke, aus der nach Selters gerufen wurde und reden und lachen laut. In der anderen Ecke eine Familie mit einem kleinen Kind. Stammgäste morgens um halb acht.

Der Ort zieht noch andere an. Einer braucht seinen Morgenschluck. Alkoholausschank ist auf dem Wochenmarkt nicht erlaubt, aber er findet seine Lücke. Die Colaflasche des Mannes, der zwei Plätze neben mir steht, ist randvoll und die Flüssigkeit im Flaschenhals ist verdächtig hell.

Der Besitzer der Flasche nimmt einen tiefen Zug. Er redet mit dem älteren Herrn neben mir, der die lange Asche seiner Zigarette in einer tausendfach geübten Bewegung gekonnt in Richtung Mülleimer abschüttelt, bevor er die ganze Hand mit der eingeklemmten Zigarette zum Zug vor sein Gesicht hält.

In der anderen Hand hängt lose ein Einkaufsbeutel. Viel ist nicht drin. Es ist ein Einsamkeitsbeutel, der stumm  zu sagen scheint, „ich brauche ja nicht viel“. Der mit der Colaflasche sieht wenig gepflegt aus. Eine Hand ist in einen Verband gehüllt, der mal erneuert werden könnte. Der Imbisswagen um halb acht ist auch ein Ort für die Einsamen, die aus der Stille ihrer Wohnung hier in den Lärm der lauten und lachenden Männerrunde und der Familie in der Ecke eintauchen können.

Feldwege und Zäune

In der Geschichte vom Großen Gastmahl erzählt Jesus von dem Mann, der ein großes Festessen geben wollte und dem die Gäste absagen, weil sie Besseres oder Wichtigeres zu tun haben. Der Mann sendet seine Diener an die Feldwege und Zäune, um alle zu drängen, zu seinem Fest zu kommen, die man dort sonst eher nicht erwartet hätte.

Diese Beispielerzählung wird oft als Auftrag an die Kirche (die Diener) verstanden, dort hinzugehen, an die Ränder und die Leute einzusammeln. Doch bei mir hat der Gedanke Bedeutung gewonnen, dass es um die Frage geht, wo ich stehe, damit mich die Einladung erreicht.

Oft habe ich in alltäglichen Situationen plötzlich ein Gefühl großer Verbundenheit mit den Menschen. So wie in dieser Szene auf einem Wochenmarkt im Hamburger Osten. Solche Situationen wollen mir etwas sagen und sie rufen mich in etwas Unbekanntes, das sich erst noch ereignen will .

Fremdsein mal anders

Der Wirt des Imbisswagens wirkt angeschlagen. Seine Frau bemüht sich, das nicht merken zu lassen. Sie arbeitet um ihn herum und versucht die Situation wegzulächeln. Auf dem Weg zum Auto sehe ich den Mann mit seinem Verband auf einer Bank sitzen. Er muss seinen Morgenschluck erst einmal verarbeiten. Die Sonne kommt hoch und wärmt diese Szene ein bisschen.

Es liegt Traurigkeit über alledem und ich fühle mich wie ein Eindringling. Ich bin nicht alleine gekommen, ich werde nicht alleine gehen. Und dort, wo ich hingehe, wird schon jemand auf mich warten. Es ist gar nicht so einfach, sich auf die andere Seite der Hecken und Feldwege zu stellen, wo um halb acht am Samstagmorgen Mettbrötchen mit Zwiebeln die Mägen füllen.

Die Zäune und Feldwege aus Alkohol und Einsamkeit trennen die Welt ihrer Bewohner fein säuberlich von meiner ab. Dabei ist es nur eine dünne Membran, die Leben, in dem alles zu gelingen scheint und Leben, in dem irgendwas schiefläuft, voneinander trennt. Ich kenne beide Seiten.

Und ich kenne auch das Gefühl, nicht hineinzupassen. Da, wo ich mich mit Kirchenmenschen treffe, ist „The gift of not fitting in“, die Gabe, nicht hineinzupassen, zurzeit das große Thema. Dabei kenne ich dieses Gefühl eigentlich von anderen Stellen: Bei „denen da oben“, bei den Reichen und Schönen, bei den Mächtigen, deren Welt mir lange fremd war, passe ich bis heute nicht hinein.

Heute habe ich dieses Gefühl (auch), wenn ich auf Menschen treffe, wie den einsamen Trinker am Morgen oder den Verkäufer der Obdachlosenzeitung in der Mönckebergstraße, der von seiner Hoffnung erzählt.

Imbisswagenkirche

Die Geschichte vom großen Festmahl beschreibt ungastliche Orte der Ausgrenzung (Zäune) und Mühsal (Feldwege) als die, an denen Gott eine Einladung ausspricht: an die Einsamen, Kranken, Behinderten, Hungernden, Armen –  und eben immer auch an mich.  Es sind keine Orte des Aufenthalts, sondern Orte des Aufbruchs zu einem gemeinsamen Ziel. Dahinter steht eine Kraft, die Gemeinschaft stiftet. Wer das gleiche Ziel hat (das große Festmahl), kann auch gemeinsam gehen.

Es wird heute viel über Bedeutung und Sinn von Kirche nachgedacht. Sinn findet sich an Orten außerhalb unserer kirchlichen Komfortzonen, an denen wir angesprochen werden und uns finden lassen.

Kirchliche Komfortzonen sind überhaupt nichts Schlechtes. Im Gegenteil, je schöner, wärmer, freundlicher wir Kirche gestalten, umso schöner ist sie für uns und andere. Aber sie müssen immer wieder verlassen werden, wenn der Sinn verloren zu gehen droht. Manchmal steht der Sinn an einem Imbisswagen im Hamburger Osten und lässt mich darüber nachdenken, wie man es machen könnte. Vielleicht gründe ich ja mal eine Imbisswagenkirche, an der man ins Stimmengewirr eintauchen kann, in eine kirchliche Komfortzone mitten auf einem Wochenmarkt im Hamburger Osten. An einem Samstagmorgen und halb acht.