Der Weg zum Himmel

Hinter der Kirche endet das Dorf. Früher endete hier die Welt.

„Haben sie den Turm gesehen?“, wird der alte Herr fragen. „Nein“, werde ich sagen. „Dann kommen sie mit raus“, wird er sagen und auf einen Punkt zwischen den Bäumen zeigen. Ein rot weißer Stahlmast auf der anderen Seite des großen Flusses. Dahinter war BRD. „Von da haben wir das zweite und das dritte Programm bekommen. Westfernsehen“, wird der alte Herr später sagen.

Eine schöne leere Kirche mit Stühlen. „30 Gottesdienstbesucher“, wird er sagen und dass es lange einen Pastor gab. Er wird einen Namen murmeln. Und dass da immer offenes Haus war, wird er auch sagen.

Als ich die Metallpforte zum Friedhof öffne, hat er mich schon lange gesehen. Ich ihn auch, im Augenwinkel. Er schiebt sein Fahrrad mit der daran festgebundenen Harke am Zaun entlang. Ein Hinweisschild an der Kirche sagt, wenn die Kirche einmal verschlossen sein sollte, erreichen sie den Küster unter der Nummer soundso. Die Tür ist offen. Rein huschen, nur einen Spalt öffnen. Tür wieder zu.

Vielleicht haben die Jahre am Grenzzaun Sicherheit gegeben, Sicherheit, dass keiner kommt. Da kann die Tür ruhig offen bleiben. Oder war es Trotz? Wenn die Grenze schon zu war, dann blieb wenigstens der Weg zum Himmel offen. Durch eine zweite Tür geht es in den Kirchraum. An diesem abgelegenen Ort gibt es echte Stille. Sie lässt die Ohren rauschen. Als ich aufbrechen will, kommt er. Das ist jahrelang geübt.