Allerseelen, Bier und toter Otto

In ihrem Buch „Accidential Saints“ (Unheilige Heilige) beschreibt die lutherische Pastorin Nadia Bolz Weber die Tradition ihrer Gemeinde in Denver Colorado zu Allerseelen. Mehrfach taucht der All Saints Sunday in dem Buch auf. Allerseelen heißt das Totengedenken in der katholischen Kirche. Und auch die anglikanische Kirche feiert es. In meiner evangelischen Tradition ist mir dieses Fest jedoch noch nie so deutlich begegnet. Und schon gar nicht in der bunten Form, wie sie in dem Buch beschrieben wird.

Am Sonntag nach Allerheiligen wohnte ich stattdessen einem blutleeren evangelischen Gottesdienst bei, der für mich vor allem die Frage beantwortete, warum traditionell gegenüber einer Kirche eine Kneipe steht. Das ist zwar fast nur noch im Volksmund so, aber wenigstens dort. Ich hätte jedenfalls gut eine gebrauchen können, auch wenn ich Alkohol um 11 Uhr sehr schlecht vertrage. Als ich die Veranstaltung verließ, fühlte ich mich so leer, wie noch nie nach dem Besuch einer Kirche.

Dieses Gefühl der Leere zog sich durch den ganzen Nachmittag, den ich im Büro verbrachte. Ich musste noch arbeiten. Zwischendurch stolperte ich im Facebook über einen Eintrag des „House for All Sinners and Saints“, der Gemeinde von Nadia Bolz Weber.

It’s All Saints Sunday. If you would like a safe place to mourn, weep, laugh, and sing as you honor those who have died, join us tonight at 5p 1595 Pearls st in Denver. House for All Sinners and Saints. Bring small shrines, mementos, photos, or just their name emblazoned on your heart. All are welcome.

Da war es wieder. Dieses besondere Allerseelen-Fest, das ich mir in meiner drögen evangelischen Kirche so wünschen würde. Fotos in liebevoll gestalteten kleinen Schreinen, aufgemotzte Fotorahmen, die Arbeitshose des geliebten Großvaters, gebastelte Figuren und eigens gebackene Kekse oder nur ein Name, der das Herz schmückt. Dazu ein sicherer Ort, um zu trauern, zu weinen, zu lachen, zu singen und um alle Verstorbenen zu ehren. Ein Fest für die Sinne wird dort gefeiert, das soviel mehr in die katholische Tradition mit ihrem Sinnenreichtum zu passen scheint, als in die gedämpfte evangelische Welt, aus der ich komme.

Ein sicherer Ort

Zeitsprung. Einige Stunden später finde ich mich wirklich an so einem sicheren Ort wieder, der bestens dazu geeignet ist, um zu trauern, manchmal auch zu weinen, zu lachen und zu singen und um die Verstorbenen zu ehren. Eingerahmt in ein Fest für die Sinne. Verstanden habe ich das alles aber erst am Morgen danach.

Beim Wirt meines Vertrauens steht eine bootsförmige Theke. Im Restaurant wird der Lebensunterhalt bestritten, an der Theke findet das Leben statt. Mit Gästen, die teilweise schon seit Jahrzehnten kommen. Touristen lieben es, wenn die Einheimischen in einer Melange aus Platt und Hochdeutsch mit dem Wirt scherzen.

Die grauhaarigen Männer an der Theke, sie sind in der Überzahl, spielen das Spiel mit. Aber im Winter, da ist man wieder unter sich. Dann kommen die Geschichten auf den Tisch. Am Sonntag nach Allerheiligen ging es zunächst um Fußball, um den HSV, der so schlecht dasteht und doch einstmals so glanzvolle Zeiten hatte.

Fünf zu eins gegen Real Madrid. Da sind wir hier sogar hingefahren“, sagt W. und nimmt einen Schluck. Namen fliegen durch den Raum. Kargus, Kaltz, Nogly, Buljan, Jakobs, Keegan, Hieronymus, Hrubesch, Magath, Memering, Milewski, Reimann. Im Hintergrund läuft Boney M, „Rivers of Babylon“, als H. das Fotoalbum von der Tour damals rausholt.

Verblichene Farbfotos zeigen eine Gruppe vor einem Reisebus. 23.4.1980, HSV – Real Madrid steht daneben. Wieder werden Namen aufgezählt. E. entdeckt seinen verstorbenen Bruder F. in dem Album. Zwischendrin werden immer mal die Gläser aufgefüllt. Jemand bestellt einen „toten Otto“, Fürst Bismarck. Und auf einmal werden alle ganz still, als H. zu E. sagt, dass sein lange verstorbener Bruder damals all die Fotos gemacht hat.

E. wischt sich über das linke Auge und sagt, dass er stolz ist auf seinen Bruder. Dass er das ruhig sein kann, wird von allen versichert. Und da sind wir schon mittendrin in den Geschichten von all denen, die schon lange nicht mehr an dieser Theke sitzen oder erst vor Kurzem gegangen sind. Das Restaurant ist schon lange leer. An der Reling der bootsförmigen Theke halten sich noch ein paar Männer fest. Dahinter sitzt Wirt H. , der die 70 schon überschritten hat, auf seinem Hocker und erzählt, dass sein Vater im ganzen Leben keine tausend Worte zu ihm gesprochen hat. Einer sagt: „Mach uns mal noch eine Runde und dann geh ich.“ Im Hintergrund läuft „Brown eyed Girl.“ Sonntag nach Allerheiligen 2017.

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