Manipulation ist austauschbar – Beziehung nicht

Liebe und Beziehung sind die Schlüssel.

Die Zukunft der Kirche steht zur Debatte. Der Anteil der konfessionell gebundenen Christen an der Gesamtbevölkerung hat sich in Deutschland von den 1950er-Jahren bis heute halbiert. Aufschlussreiches Zahlenmaterial liefert der Religionsmonitor der Bertelsmann-Stiftung. Detailliert lässt sich dies auch auf Wikipedia nachlesen.

Analoge Entwicklungen zur Kirchenentwicklung gibt es auch in den europäischen Nachbarländern. Etwa in der Schweiz, wo das Schweizerische Sozialpastorale Institut die Entwicklung aufzeichnet. Dort sind noch etwa zwei Drittel der Bevölkerung in den Kirchen beheimatet — jedenfalls offiziell. In den Niederlanden sank der Anteil der Mitglieder der beiden großen Konfessionen von zusammen 58 Prozent im Jahr 1990 auf 39 Prozent im Jahr 2015. Umgekehrt stieg der Anteil der Konfessionslosen im gleichen Zeitraum von 38 auf 50 Prozent.

Der Weg zum Himmel

Hinter der Kirche endet das Dorf. Früher endete hier die Welt.

„Haben sie den Turm gesehen?“, wird der alte Herr fragen. „Nein“, werde ich sagen. „Dann kommen sie mit raus“, wird er sagen und auf einen Punkt zwischen den Bäumen zeigen. Ein rot weißer Stahlmast auf der anderen Seite des großen Flusses. Dahinter war BRD. „Von da haben wir das zweite und das dritte Programm bekommen. Westfernsehen“, wird der alte Herr später sagen.

Eine schöne leere Kirche mit Stühlen. „30 Gottesdienstbesucher“, wird er sagen und dass es lange einen Pastor gab. Er wird einen Namen murmeln. Und dass da immer offenes Haus war, wird er auch sagen.

Als ich die Metallpforte zum Friedhof öffne, hat er mich schon lange gesehen. Ich ihn auch, im Augenwinkel. Er schiebt sein Fahrrad mit der daran festgebundenen Harke am Zaun entlang. Ein Hinweisschild an der Kirche sagt, wenn die Kirche einmal verschlossen sein sollte, erreichen sie den Küster unter der Nummer soundso. Die Tür ist offen. Rein huschen, nur einen Spalt öffnen. Tür wieder zu.

Vielleicht haben die Jahre am Grenzzaun Sicherheit gegeben, Sicherheit, dass keiner kommt. Da kann die Tür ruhig offen bleiben. Oder war es Trotz? Wenn die Grenze schon zu war, dann blieb wenigstens der Weg zum Himmel offen. Durch eine zweite Tür geht es in den Kirchraum. An diesem abgelegenen Ort gibt es echte Stille. Sie lässt die Ohren rauschen. Als ich aufbrechen will, kommt er. Das ist jahrelang geübt.

Kunst und Geist und Auferstehung

Rund 30 Kirchenleute auf Klassenfahrt stapfen im Herbst 2019 durch Halberstadt. „Tapfer schrumpfen“ war unsere Konventsfahrt überschrieben. Der Weg führte an alten Mauern entlang, über Kopfsteinpflaster, mitten durch das jüdische Viertel und über jüdische Friedhöfe. Stille Mahnmale kollektiver Schuld und des Versagens der Kirchen im Nationalsozialismus.

Links in der beginnenden Abenddämmerung sozialistischer Plattenbau und rechts immer noch alte Mauern. Ein Tor, so groß, dass Gespanne mit Bergen von Heu und Stroh hindurch rumpeln können. Ein überraschend riesiger Hof nach all den engen Gassen des Tages. Und im Abendlicht ein Baum auf dem riesigen Hof und eine Kirche, die vor dem leeren Platz erstaunlich klein wirkt.

Wir trafen Gott an der Kasse

Und sie fanden keine Herberge. Und Josef klopfte beim Wirt an. Und dann gab es doch einen Platz im Stall. Und alles war noch mal gut gegangen. So hatten sie uns in diesen Tagen wieder die Weihnachtsgeschichte erzählt und dann sangen alle „Oh du fröhliche“. Und wir haben da gestanden und leise mitgesungen und die Kehle war zugeschnürt und voller Tränen. Wir haben sie runter geschluckt. Wir wollten nicht stören. Wir sind leise nach Hause gegangen. Und das alte schwarze Buch hatte uns getröstet. Bei Matthäus fanden wir uns wieder.

Bekehrung der Kirche

Tief unten in der Wüste steht ein wilder Kerl. So gar nicht gesellschaftskonform. Die feinen Städter der Jerusalemer Oberschicht mögen die Nase über Johannes den Täufer gerümpft haben. Wer zu ihm geht, muss sich hinabbegeben. Er muss im Wortsinne nach unten. Jerusalem mit seinem Tempel liegt auf einem Berg. Johannes tauft am Jordan. Der Höhenunterschied beträgt rund 1.000 Meter. Jerusalem liegt auf 700 Metern über dem Meeresspiegel. Der Jordan befindet sich in einer tiefen Senke, die etwa 250 Meter unter dem Meeresspiegel liegt. Tiefer kann man auf dem Landweg nicht herabsteigen.

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Platte – Heimat – Allesandersplatz

Berlin 2019. Ich hatte entschieden, mit wenig Bargeld und ohne Mobiltelefon und Uhr loszulaufen. In der Tasche ein Nahverkehrsticket für den Tag. Alles in allem noch sehr luxuriös. Entlang der S-Bahn, hinter dem idyllischen Wuhletal, treffe ich auf einen kleinen Friedhof. ‚Friede‘ steht über der Trauerhalle. Danach folgt eine vierspurige Straße. Lang und gerade zieht die Allee in Richtung der Hochhausgebirge, hinter denen ich die großen Plattenbauten Marzahns vermute. Ich wandere los.

Augenblick und Gegenwart

Mitten im Hamburger Schanzenviertel steht seit 1970 das Jesus Center. Zum Schulterblatt hin öffnet das Café Augenblicke seine Türen. Dort haben wir es immer wieder mit Menschen zu tun, die schwere Lasten mit sich herumtragen. Neben heißen Getränken, Lebensmitteln und sehr günstigem (1,50 Euro) und an manchen Tagen kostenlosem Mittagessen ist das Zuhören vielleicht das wichtigste Angebot, das wir unseren Gästen machen können.

Vor einigen Tagen hat mich K. dabei gelehrt, was Vergebung bedeutet. Er ist Anfang 50 und lebt mal wieder auf der Straße.
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Spriritualität der Straße

Als Gläubige sind wir nicht dazu berufen, Erreichtes zu zementieren und ebenfalls nicht, am Scheitern festzuhalten. Es geht vielmehr immer um den nächsten Schritt. Wenn wir uns auf das Geschehen einlassen, also auf das, was uns begegnet, umgibt oder widerfährt, dann folgt daraus immer eine Handlungsoption oder eine neue Möglichkeit.

Dabei geht es nicht um das Machbare. Was wir als machbar erachten, setzt uns bereits Grenzen – nämlich unsere eigenen. Und schon stecken wir wieder fest. Es kommt vielmehr darauf an, den nächsten Schritt zu wagen. So, wie Madeleine Delbrêl und andere es beschreiben, geht es um einen Tanz, dem wir uns unter Gottes Führung anvertrauen können. Und wie beim Tanzen ist es ganz normal, dass die Schritte erst nach und nach immer kühner werden. Tanzen erfordert Mut. Einen Weg zu gehen, der erst im Gehen entsteht, ist ein Abenteuer. „Spriritualität der Straße“ weiterlesen